DE | EN

Philipp Dankel (publiziert)

Welche Erfahrung zählt? (publiziert)

Kategorien und/oder Frequenzen im Sprachkontakt Spanisch-Quechua

ErstbetreuerProf. Dr. Stefan Pfänder
ZweitbetreuerProf. Dr. Daniel Jacob
DrittbetreuerProf. Dr. Dr. h. c. Christian Mair
Abstract

Nach bisherigen Studien im Paradigma gebrauchsbasierter sprachtheoretischer Modellierungen gilt die Frequenz eines sprachlichen Phänomens in Produktion und Perzeption als einer der entscheidenden Faktoren zur Ausformung der mentalen Repräsentation von sprachlichen Strukturen. Diese postulieren einen weitreichenden Geltungsanspruch.
Für die Sprachkontaktforschung konnten jedoch bisher nur sehr bedingt Frequenzeffekte nachgewiesen werden. Die hier vorliegende Arbeit untersucht den Austausch sprachlicher Kategorien unter dem Gesichtspunkt der Frequenz in den Kontaktsprachen Quechua und Spanisch im Andenraum und kommt insbesondere zu zwei Ergebnissen: Erstens beruht die Übertragung von Konzepten in die Zielsprache (in diesem Fall das Spanische) auf qualitativen Aspekten. Die Frequenz dieser Konzepte in der Ausgangssprache spielt dabei eine marginale Rolle. Zweitens spielt auch bei der Auswahl der Zielstrukturen die Vorkommenshäufigkeit nur in Kombination mit semantischen und pragmatischen Kriterien eine Rolle für die Wahl einer möglichen Variante aus einer Variable der Zielstruktur.
Frequenzeffekte scheinen im Sprachkontakt also nur sekundär wirkmächtig zu sein, sprich an den Stellen, wo die Kontaktsprache den bekannten Mechanismen von Variation und Wandel unterliegt.
Die Komplexität von Wandelprozessen im Sprachkontakt wird anhand der Univerbierung des strings "dice +que" im Andenspanischen gezeigt. Ein Vergleich zwischen andinen Spanischen (mit dem Quechua als Kontaktsprache) und dem europäischen Spanisch zeigt, dass aus dem redeeinleitenden matrixsatzfähigen dice ("er/sie sagt") in Kombination mit dem complementizer que ("dass") ein univerbierter Marker wird, der Informationen aus zweiter Hand ausdrückt. Für den Beispielsatz dice que ha venido, der für das Standardspanische mit "sie sagt, dass er gekommen ist" zu übersetzen wäre, gilt im Andenspanisch die Übersetzung "sie sagt, dass er gekommen sei/ er soll gekommen sein", da er hier Evidentialität ausdrückt. Für die verschiedenen Varietäten des Andenspanisch können dabei verschiedene Stufen der Univerbierung und der funktionalen Reanalyse nachgewiesen werden, die als kontaktinduziert beschrieben werden können. Dabei ist aber nicht die Übernahme des Subsystems des Quechua an sich zu beobachten, sondern es findet eine Reorganisation der Kategorien in der Zielsprache statt (Pfänder et al. im Druck). Die starke Variationsbreite des Phänomens konnte in eine sehr feinkörnigen Ausdifferenzierung seines syntaktischen und semantischen Wandels überführt werden. Zu beobachten ist dabei die Emanzipation beider sprachlichen Einheiten durch entrenchment.

DisziplinRomanistik
SprachenSpanisch, Quechua
ForschungsrichtungGrammatikalisierung, Frequenz, Sprachkontakt, kommunikative Genres
SchlüsselbegriffeGrammatikalisierung, Frequenz, Evidentialität, Konvergenz